MERCURY NEWS – SAN JOSE
HUNT. STRIKE. CONQUER.
Wie aus einer Vision wieder eine Hockeymannschaft wurde
Nach einer historischen Saison spricht General Manager Umberto Seiler erstmals ausführlich über den Wiederaufbau der Sharks, Macklin Celebrinis aussergewöhnliches Rookie-Jahr, den mutigen Trade für Cole Caufield und den Sommer, der San Jose endgültig vom Herausforderer zum Anwärter machen soll.
Von Steven Rinella
Eine Jagdhütte kennt keine Sommerpause
Bündner Bergwelt
Wer Umberto Seiler nur aus Pressekonferenzen kennt, würde kaum vermuten, dass die wichtigsten Gedanken des General Managers nicht zwischen Computermonitoren und Konferenztischen entstehen.
Der schmale Kiesweg windet sich durch einen dichten Lärchenwald, vorbei an saftig grünen Alpweiden und kleinen Bergbächen. Erst kurz vor der Baumgrenze erscheint zwischen den Felsen eine alte Jagdhütte aus dunklem Arvenholz. Aus dem gemauerten Kamin steigt eine dünne Rauchsäule in den klaren Morgenhimmel. Vor der Tür liegen ein Paar abgenutzte Bergschuhe, daneben ordentlich geschichtetes Brennholz für die kommenden Abende.
Hier verbringt Seiler einen Teil seines Sommers. Nicht, um dem Hockey zu entfliehen, sondern um klarer darüber nachzudenken.
Als ich die knarrende Holztüre öffne, riecht es nach Feuerholz, frisch aufgebrühtem Kaffee und Harz. Der Holzofen knistert leise, während auf einem massiven Eichentisch Karten der umliegenden Berge ausgebreitet liegen. Daneben befinden sich Ferngläser, ein Spektiv und mehrere Ledermappen. Zwischen topografischen Karten entdecke ich etwas, das auf den ersten Blick kaum hierher zu passen scheint.
Scoutingberichte, Draftlisten und Spielerprofile.
Neben einer Holzwand hängen Fotos der vergangenen Saison. Eines zeigt die Mannschaft nach dem entscheidenden Sieg gegen Edmonton. Ein anderes hält den Moment fest, als Macklin Celebrini nach seinem hundertsten Punkt von seinen Mitspielern umringt wird. Dazwischen steckt eine kleine Karte mit drei handgeschriebenen Worten.
HUNT. STRIKE. CONQUER.
In einer Ecke der Hütte läuft auf einem kleinen Fernseher ohne Ton noch einmal Spiel sieben gegen Edmonton. Cole Caufield trifft, Celebrini reisst die Arme hoch und die Ersatzbank springt geschlossen über die Bande.
Umberto Seiler steht auf der kleinen Veranda und blickt schweigend über das Tal. Die Morgensonne taucht die Berggipfel in ein warmes Licht, während irgendwo weit unten das Läuten einzelner Kuhglocken durch die klare Luft trägt. Erst als er Schritte hinter sich hört, dreht er sich um und begrüsst mich mit einem ruhigen Lächeln.
Wir setzen uns an den Holztisch. Seiler stellt zwei Kaffeebecher auf das raue Holz und schenkt ein. Für einige Sekunden spricht keiner von uns. Durch das offene Fenster weht der Duft feuchter Bergwiesen in die Hütte, während draussen ein Tannenhäher lautstark zwischen den Arven ruft.
Noch bevor das Aufnahmegerät eingeschaltet ist, fällt ein Satz, der den gesamten Tag prägen wird.
„Im Sport darfst du Erfolge geniessen. Du darfst sie nur nie verwalten.“
Dieser Satz erklärt wahrscheinlich besser als jede Statistik, weshalb die Sharks heute dort stehen, wo sie stehen.
Vor zwölf Monaten sprach kaum jemand ernsthaft über San Jose als Playoff-Kandidaten. Die Organisation befand sich mitten im Wiederaufbau. Hoch talentiert, aber unerfahren. Viele Experten glaubten, dass diesem jungen Kern noch mehrere Jahre fehlen würden.
Heute hat sich das Bild vollständig verändert.
Die Sharks qualifizierten sich für die Playoffs, bezwangen den Stanley-Cup-Favoriten aus Edmonton in einer spektakulären Sieben-Spiele-Serie und schieden erst in der zweiten Runde gegen Vancouver aus, nachdem Macklin Celebrini verletzungsbedingt ausgefallen war.
Der Rookie schrieb Geschichte.
100 Punkte.
Calder Trophy.
Art Ross Trophy.
Hart Trophy.
Eine Saison, wie sie selbst langjährige NHL-Beobachter nur selten erleben.
Doch während draussen zwei Gämsen oberhalb der Baumgrenze über einen Geröllhang ziehen und Seilers Blick ihnen für einen kurzen Moment folgt, wird schnell klar, dass innerhalb der Organisation kaum jemand lange über Auszeichnungen spricht.
Immer wieder fällt stattdessen ein anderes Wort.
Identität.
Es ist ein Begriff, der während unseres Gesprächs immer wieder auftauchen wird.
Nicht Titel, Rekorde, individuelle Auszeichnungen, sondern Identität.
Und genau dort beginnt unser Gespräch.
Kapitel 1
„Hunt. Strike. Conquer. war nie ein Werbespruch.“
Für einen Moment sagt keiner von uns etwas.
Das Feuer im Ofen knistert gleichmässig. Draussen schiebt sich die Morgensonne langsam über den gegenüberliegenden Bergrücken und taucht die Alpweiden in ein warmes Licht. Aus dem Tal steigt Nebel auf, der sich langsam zwischen den Lärchen auflöst.
Seiler nimmt seinen Kaffeebecher in beide Hände und blickt aus dem kleinen Fenster der Hütte.
„Die ersten Tiere sind jetzt meistens unterwegs“, sagt er beiläufig.
Fast gleichzeitig greift er nach dem Fernglas, das seit meiner Ankunft auf dem Tisch liegt.
„Komm.“
Mehr sagt er nicht. Wir verlassen die Hütte und folgen einem schmalen Wildwechsel, der sich oberhalb der Baumgrenze den Hang hinaufzieht. Der Boden ist noch feucht vom Tau, und ausser unseren Schritten ist kaum ein Geräusch zu hören. Nach wenigen Minuten bleibt Seiler stehen. Er hebt das Fernglas.
„Links, oberhalb der Felsen.“
Ich folge seinem Blick. Zunächst sehe ich nichts. Dann beginnt sich der Hang zu bewegen.
Vier Gämsen ziehen langsam über das Geröll. Vorne geht eine erfahrene Geiss, dicht dahinter zwei Jungtiere. Ein kräftiger Bock hält bewusst Abstand und beobachtet jede Bewegung unterhalb des Hanges.
Niemand spricht. Die Tiere scheinen unsere Anwesenheit wahrgenommen zu haben. Trotzdem laufen sie ruhig weiter.
Seiler senkt das Fernglas.
„Sie verschwenden keine Energie“, sagt er leise.
„Sie bewegen sich nur, wenn es notwendig ist. Sie kennen ihr Gelände. Sie wissen genau, wann sie Geduld brauchen und wann sie reagieren müssen.“
Er lächelt kurz.
„Eigentlich gar nicht so anders als eine gute Hockeymannschaft.“
Wir setzen uns auf einen flachen Felsen. Unter uns liegt das Tal. Über uns kreist ein Steinadler lautlos in der Thermik. Jetzt beginnt das eigentliche Gespräch.
Mercury News: Herr Seiler, als Sie vor einem Jahr das Motto „Hunt. Strike. Conquer.“ präsentierten, hielten viele es für eine Marketingkampagne. Heute wirkt es eher wie eine Zusammenfassung dieser Saison. Was bedeuteten diese drei Worte tatsächlich?
Seiler nimmt das Fernglas vom Hals und legt es neben sich auf den Felsen. Er nickt langsam.
„Ich kann gut verstehen, warum viele Menschen das zunächst als klassischen Slogan wahrgenommen haben. Im modernen Profisport begegnet man ständig grossen Schlagwörtern. Deshalb war diese Reaktion nachvollziehbar.
Für uns intern hatte dieses Motto allerdings eine völlig andere Bedeutung. Es war nie für Werbeplakate gedacht. Es war für unsere Kabine gedacht.
'Hunt' bedeutete, dass wir jeden Tag hungrig bleiben wollten. Nicht nur nach Niederlagen, sondern gerade auch nach Erfolgen. Eine Mannschaft, die nach drei Siegen glaubt, angekommen zu sein, hört auf zu wachsen.
'Strike' stand für Entschlossenheit. Chancen ergeben sich im Eishockey oft nur für Sekunden. Das gilt auf dem Eis genauso wie im Management. Wenn sich der richtige Moment ergibt, musst du bereit sein, entschlossen zu handeln. Genau deshalb haben wir später auch den Trade für Cole Caufield gemacht.
Und 'Conquer' war wahrscheinlich der am häufigsten missverstandene Teil unseres Mottos.
Viele verbanden dieses Wort automatisch mit dem Stanley Cup. Das war nie unsere Botschaft. Wir wollten zunächst unseren Platz in dieser Liga zurückerobern. Wir wollten wieder eine Mannschaft sein, gegen die niemand gerne spielt. Wir wollten, dass gegnerische Trainer vor einem Spiel gegen San Jose Respekt empfinden. Wenn ich heute auf diese Saison zurückblicke, dann glaube ich, dass uns genau das gelungen ist.“
Er schweigt. Nicht, weil ihm die Worte fehlen. Sondern weil sein Blick wieder den Gämsen folgt, die inzwischen am gegenüberliegenden Hang verschwunden sind. Nur der Steinadler zieht noch immer ruhig seine Kreise über dem Tal.
„Wissen Sie …“
Seiler stützt die Unterarme auf die Knie.
„Der grösste Erfolg dieser Saison war nicht der Sieg gegen Edmonton. Und auch nicht die Playoff-Qualifikation. Der grösste Erfolg war, dass unsere Spieler irgendwann aufgehört haben, überrascht zu sein, wenn sie gute Mannschaften geschlagen haben. Plötzlich war das für sie normal. Und genau in diesem Moment wusste ich, dass sich unsere Organisation verändert hatte.“
Der Moment, in dem wir aufhörten, uns selbst zu überraschen
Der Steinadler verschwindet langsam hinter einem Grat. Für einige Sekunden bleibt es still. Nur das leise Pfeifen eines Murmeltiers hallt über den Hang. Seiler verfolgt den Vogel noch einen Moment.
Es fällt auf, dass er nie hastig antwortet. Nach fast jeder Frage nimmt er sich Zeit. Nicht, weil ihm die Worte fehlen. Sondern weil er offensichtlich vermeiden möchte, vorschnelle Antworten zu geben. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb die Sharks in den vergangenen zwölf Monaten einen so deutlichen Schritt nach vorne gemacht haben. Sie wirken heute wie eine Organisation, die Entscheidungen nicht aus Emotionen trifft, sondern aus Überzeugung. Ich frage ihn, ob es einen bestimmten Moment gegeben habe, in dem sich diese Mannschaft verändert habe.
Einen Abend, ein Spiel, eine Kabinenansprache oder irgendetwas, woran man den Wandel festmachen könne.
Seiler schüttelt langsam den Kopf.
„Nein. Ehrlich gesagt glaube ich nicht an diese eine Geschichte, die sich im Nachhinein schön erzählen lässt."
Er hebt einen kleinen Stein auf und lässt ihn zwischen den Fingern kreisen.
„Im Sport wünschen wir uns oft einen Wendepunkt. Ein Spiel, eine Ansprache, einen Sieg, nach dem plötzlich alles anders ist. Die Realität ist meistens viel unspektakulärer."
Er deutet den Hang hinauf. Eine einzelne Gämse hat sich inzwischen deutlich von der kleinen Gruppe entfernt und sucht zwischen den Felsen nach frischen Kräutern.
„Schau dir die Tiere dort oben an. Keines entscheidet sich von einem Moment auf den anderen, stärker zu werden. Es sind jeden Tag dieselben Wege, dieselben Hänge, dieselben Bewegungen, genau dadurch überleben sie."
Er lächelt.
„Mit einer Mannschaft ist es nicht anders. Eine Kultur verändert sich nicht an einem Abend. Sie verändert sich in den Wochen dazwischen. In Trainingseinheiten, die niemand sieht. In Gesprächen zwischen Spielern. In der Art, wie eine Mannschaft auf Niederlagen reagiert."
Er macht eine kurze Pause.
„Wenn ich heute zurückblicke, erinnere ich mich nicht an unseren höchsten Sieg. Ich erinnere mich an unsere schwierigsten Wochen."
Wir bleiben noch einige Minuten sitzen. Die Gämsen verschwinden langsam hinter einem Felsvorsprung. Der Wind frischt auf und trägt den Duft von Arvenholz aus dem Wald herauf. Niemand von uns empfindet das Schweigen als unangenehm. Vielleicht gehört genau diese Fähigkeit, Stille auszuhalten, zu den Eigenschaften, die gute General Manager und gute Berggänger gemeinsam haben.
Nicht die Siege, sondern die Niederlagen veränderten die Sharks
Auf dem Rückweg zur Hütte sprechen wir zunächst kaum über Hockey. Seiler bleibt immer wieder stehen. Nicht, weil der Weg steil wäre, sondern weil er ständig etwas entdeckt. Einen Rotmilan, der tief über einer Wiese kreist. Frische Hirschspuren im feuchten Boden. Den Abdruck eines Fuchses am Rand eines kleinen Baches. Es fällt auf, wie aufmerksam er seine Umgebung wahrnimmt. Vielleicht beobachtet er Menschen genauso.
Zurück in der Hütte legt er ein neues Stück Arvenholz in den Ofen. Sofort erfüllt der würzige Duft den Raum. Er setzt sich wieder an den Holztisch. Ich greife den Gedanken von eben noch einmal auf.
Mercury News: Was genau meinen Sie damit, wenn Sie sagen, dass die schwierigsten Wochen entscheidend waren?
Seiler lehnt sich zurück.
„Vor einem Jahr waren wir noch eine Mannschaft, die nach Rückschlägen häufig an sich selbst gezweifelt hat. Wenn wir zwei Spiele hintereinander verloren hatten, wurde plötzlich alles infrage gestellt. Systeme wurden diskutiert. Automatismen gingen verloren. Jeder wollte das Spiel allein entscheiden. Das war völlig normal für eine junge Mannschaft."
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Dieses Jahr war es anders. Wir haben ebenfalls schwierige Phasen erlebt. Wir haben deutliche Niederlagen kassiert. Es gab Spiele, in denen wir schlicht nicht gut genug waren."
Er schaut kurz ins Feuer.
„Der Unterschied bestand darin, dass niemand in Panik geraten ist. Am nächsten Morgen standen dieselben Spieler wieder auf dem Eis. Mit derselben Überzeugung, mit derselben Arbeitsmoral und mit demselben Vertrauen in unser System."
Er nickt langsam.
„In diesem Moment wusste ich, dass wir einen entscheidenden Schritt gemacht hatten."
Führung entsteht, wenn niemand hinschaut
Während wir sprechen, legt sich plötzlich Ruhe über den Hang. Seiler hebt den Kopf.
„Da vorne.“
Er zeigt auf den Waldrand, keine hundert Meter unterhalb der Hütte. Zwischen den jungen Lärchen tritt ein Rothirsch aus dem Schatten. Langsam, beinahe lautlos, setzt er einen Huf vor den anderen. Er hebt kurz den Kopf, prüft den Wind und verschwindet wieder zwischen den Bäumen.
Es dauert keine zwanzig Sekunden, dann ist er weg.
„Deshalb komme ich hierher“, sagt Seiler leise. „Hier lernst du Geduld.“
Über dem Eichentisch hängt eine alte topografische Karte der Region. Daneben steckt mit einer Reissnadel eine kleine Notiz.
Disziplin schlägt Talent, wenn Talent undiszipliniert ist.
Ob sie dort wegen des Hockeys hängt oder wegen der Berge, lässt sich nicht sagen. Vielleicht wegen beidem. Ich greife das Gespräch wieder auf.
Mercury News: War diese neue Mentalität etwas, das Sie bewusst eingefordert haben?
Seiler überlegt kurz. Dann schüttelt er langsam den Kopf.
„Man kann Charakter nicht anordnen. Natürlich können Trainer und Management Erwartungen formulieren. Wir können Standards setzen und konsequent sein. Aber Charakter entsteht erst dann, wenn niemand mehr hinschaut.“
Er zeigt mit dem Daumen auf das Fenster.
„Da draussen kontrolliert auch niemand die Tiere. Trotzdem folgen sie ihren Instinkten jeden einzelnen Tag. Genauso sollte eine Mannschaft funktionieren.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee.
„Mich hat besonders beeindruckt, wie unsere erfahrenen Spieler mit den jungen gearbeitet haben. Diese Spieler haben verstanden, dass Führung nicht bedeutet, laut zu sein. Führung bedeutet, jeden Tag dieselben Standards vorzuleben. Unsere jungen Spieler haben das aufgenommen und irgendwann wurde daraus etwas Eigenständiges. Irgendwann brauchte niemand mehr jemanden daran zu erinnern.“
Er lächelt.
„Dann weisst du, dass sich eine Kultur verändert hat.“
Ein General Manager beobachtet anders
Nach fast zwei Stunden beginne ich zu verstehen, weshalb Seiler diesen Ort gewählt hat.
Hier gibt es keine Telefone, keine Scouts, die ins Büro kommen. Keine E-Mails, kein Lärm, nur den Wind, das Feuer und Zeit.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb seine Antworten nie vorbereitet wirken. Ich frage ihn, worauf er während eines Spiels eigentlich achtet. Die meisten Fans würden vermutlich Tore nennen, Puckbesitz oder Schüsse.
Seiler muss lachen. „Darauf bekomme ich oft erstaunte Reaktionen.“
Er lehnt sich zurück. „Ich schaue erstaunlich selten auf den Puck.“
Ich muss unwillkürlich lachen, Seiler ebenfalls.
„Das klingt zunächst merkwürdig. Aber mich interessieren die Spieler ohne Scheibe. Wer arbeitet zurück? Wer kommuniziert? Wer übernimmt Verantwortung, wenn gerade nichts funktioniert? In entscheidenden Spielen verraten dir genau diese Dinge sehr viel über eine Mannschaft. Nicht der schönste Spielzug., sondern die Reaktion nach einem Fehler.“
Er blickt kurz hinaus. Der Rothirsch ist längst verschwunden. Nur ein Kolkrabe landet auf einem Felsen oberhalb der Hütte. Seiler verfolgt ihn einen Moment.
„Auch draussen siehst du nie das ganze Bild auf einmal. Wenn du nur auf das Offensichtliche schaust, übersiehst du fast alles. Im Hockey ist das genauso.“
Er dreht sich wieder zu mir.
„Und genau dort hat mich diese Mannschaft in dieser Saison überzeugt.“
Der Weg geht weiter
Die Sonne steht inzwischen deutlich höher. Der Nebel hat sich vollständig aufgelöst. Über den Felsen tanzen die ersten warmen Aufwinde, und hoch über dem Tal ziehen zwei Steinadler ihre Kreise. Seiler schaut auf die Uhr.
„Wenn wir jetzt noch ein Stück höher steigen, stehen die Chancen gut, dass wir die Steinböcke sehen.“
Er nimmt das Fernglas vom Tisch, hängt es sich über die Schulter und greift nach seinem Spektiv.
„Komm.“
Wir verlassen erneut die Hütte. Vor uns liegt ein schmaler Pfad, der sich zwischen Felsen und Arven weiter den Berg hinaufzieht. Dort oben wird das nächste Kapitel beginnen. Dort wird sich das Gespräch um einen jungen Center drehen, der mit neunzehn Jahren eine ganze Organisation verändert hat, Macklin Celebrini.
Kapitel 2
„Man erlebt so etwas vielleicht nur einmal.“
Macklin Celebrini veränderte nicht nur die Sharks. Er veränderte die Erwartungen einer ganzen Organisation.
Der Aufstieg oberhalb der Hütte wird steiler. Der schmale Wildpfad führt durch niedrige Arven und über graue Felsplatten, die von Jahrzehnten aus Schnee und Wind glatt geschliffen wurden. Niemand spricht. In den Bergen lernt man schnell, dass Stille kein Gespräch beendet. Sie gehört einfach dazu. Nach gut zwanzig Minuten bleibt Seiler stehen.
Vor uns öffnet sich ein weites Kar. Durch das Fernglas erkennt man mehrere Steinböcke, die regungslos auf einer Felsrippe stehen. Die älteren Böcke liegen bereits in der Morgensonne, während zwei jüngere Tiere spielerisch ihre Hörner aneinanderdrücken. Seiler stellt das Spektiv sorgfältig ein.
„Sie verbringen Stunden damit, einfach nur zu beobachten“, sagt er leise. „Sie sparen ihre Energie für den Moment, in dem sie sie wirklich brauchen.“
Er reicht mir das Spektiv.
„Im Sport wird oft so getan, als müsste man ständig handeln. Manchmal ist Beobachten die wichtigere Fähigkeit.“
Es ist der erste Satz an diesem Tag, der sich genauso gut auf einen Steinbock wie auf einen General Manager beziehen könnte. Wir setzen uns auf einen flachen Felsen. Unter uns glitzert ein Bergsee und über uns ziehen zwei Alpendohlen ihre Kreise. Erst jetzt beginne ich wieder mit meinen Fragen.
Mercury News: Herr Seiler, Macklin Celebrini beendete seine erste Saison mit 100 Punkten, gewann die Calder Trophy, die Art Ross Trophy und die Hart Trophy. Viele Experten sprechen bereits heute von einer der aussergewöhnlichsten Rookie-Saisons der modernen FIHL-Geschichte. Haben Sie irgendwann realisiert, was dort gerade passiert?
Seiler nimmt sich Zeit. Er beobachtet noch einen Moment die Steinböcke. Dann antwortet er.
„Ich glaube, die Wahrheit ist, dass man es während der Saison gar nicht vollständig realisiert. Man lebt als Organisation von Spiel zu Spiel. Nach jedem Match beginnt sofort die Vorbereitung auf den nächsten Gegner. Deshalb bleibt kaum Zeit, sich mit historischen Vergleichen zu beschäftigen. Erst nach Saisonende, als etwas Ruhe eingekehrt war, habe ich begonnen, die Leistungen noch einmal einzuordnen. Und dann wird dir langsam bewusst, was wir eigentlich erlebt haben. 100 Punkte als Rookie sind aussergewöhnlich. Die Art Ross Trophy ist aussergewöhnlich. Die Hart Trophy ist aussergewöhnlich. Aber was mich wirklich beeindruckt hat, war etwas völlig anderes.“
Mercury News: Was genau?
Seiler blickt kurz ins Tal, dann antwortet er, ohne zu überlegen.
„Dass ihn all das nie verändert hat. Ich erinnere mich an einen Abend Mitte der Saison. Macklin hatte gerade ein Vier-Punkte-Spiel absolviert. Die Medien standen Schlange und überall wurde über ihn gesprochen. Am nächsten Morgen war er der Erste in der Trainingshalle. Nicht, weil ihn jemand darum gebeten hätte. Nicht, weil Kameras dort gewesen wären. Sondern weil das für ihn selbstverständlich war. Genau in diesem Moment wurde mir klar, dass wir es nicht nur mit einem aussergewöhnlich talentierten Spieler zu tun haben. Wir hatten einen aussergewöhnlichen Profi gedraftet.“
Für einige Sekunden schweigen wir. Eine der Alpendohlen landet nur wenige Meter entfernt. Sie hüpft neugierig zwischen den Steinen umher, findet einen Käfer und verschwindet ebenso schnell wieder in der Luft. Seiler verfolgt sie mit einem kurzen Blick.
„Talent fällt auf“, sagt er. „Gewohnheiten meistens nicht.“
Mehr als ein Jahrhunderttalent
Während wir den Hang langsam weiter hinaufgehen, fällt mir auf, dass Seiler kaum jemals zuerst über Talent spricht. Er spricht über Disziplin, Gewohnheiten und Charakter.
Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb seine Spieler ihm vertrauen. Nicht weil er den lautesten Plan hat, sondern weil er den langfristigsten besitzt. Nach einer weiteren Viertelstunde erreichen wir einen kleinen Aussichtspunkt. Von hier aus reicht der Blick weit über das Tal. Die Jagdhütte ist inzwischen nur noch ein kleiner dunkler Punkt zwischen den Lärchen. Seiler nimmt erneut das Fernglas.
„Dort.“ Weit oberhalb der Felsen zieht plötzlich ein Steinadler aus der Thermik nach unten. Er schlägt nicht sofort zu. Er kreist, wartet, beobachtet, dann genügt ein einziger Flügelschlag. Seiler verfolgt den Vogel.
„Geduld wird oft unterschätzt. Auch im Hockey.“
Ich frage ihn, ob sich innerhalb der Mannschaft etwas verändert habe, als Celebrini immer stärker wurde. Er nickt sofort.
„Ja. Und zwar früher, als viele vermutlich denken. Führung entsteht nicht dadurch, dass dir jemand ein 'A' oder ein 'C' aufs Trikot näht. Führung entsteht dadurch, dass deine Mitspieler dir freiwillig folgen. Ich erinnere mich an eine Trainingseinheit im Januar. Nach dem offiziellen Ende blieben plötzlich sieben oder acht Spieler freiwillig länger auf dem Eis. Nicht, weil ein Trainer zusätzliche Übungen angesetzt hatte, sondern weil Macklin weiterarbeiten wollte. Die anderen sind einfach dageblieben.“
Der Steinadler ist inzwischen hinter einer Felskante verschwunden.
„Weisst du“, sagt Seiler, während wir langsam den Rückweg zur Hütte antreten. „Am Ende erinnern sich die Leute an Tore, Pokale und Rekorde. Ich erinnere mich an Dienstagmorgen um halb acht. An Trainingseinheiten, an Dinge, die niemand gesehen hat. Genau dort entstehen erfolgreiche Mannschaften.“
Der Weg führt uns wieder hinunter zur Hütte. Aus dem Kamin steigt noch immer eine dünne Rauchsäule auf. Als wir die Tür öffnen, empfängt uns erneut der Duft von Arvenholz und Kaffee. Seiler hängt das Fernglas an seinen Platz.
Kapitel 3
„Manchmal musst du den Mut haben, deine Vision zu vollenden.“
Warum General Manager Umberto Seiler bereit war, einen hohen Preis für Cole Caufield zu bezahlen und weshalb dieser Transfer lange vor der Trade Deadline begann.
Als wir die Hütte wieder betreten, legt Seiler schweigend zwei weitere Scheite Arvenholz in den Ofen. Das Feuer flammt sofort wieder auf und taucht den kleinen Raum in warmes Licht. Durch das geöffnete Fenster hört man das Rauschen eines Bergbachs. Seiler setzt sich an den Tisch, öffnet eine der Mappen und blättert langsam durch einige Seiten. Zwischen den Unterlagen entdecke ich eine Karteikarte. Nur zwei Worte, Elite Finisher.
Die Tinte ist leicht verblasst. Offensichtlich liegt sie dort nicht erst seit gestern. Ich schaue Seiler an. Er bemerkt meinen Blick und muss schmunzeln.
„Ja“, sagt er noch bevor ich eine Frage stellen kann. „Genau deswegen bist du Journalist.“
Wir lachen beide, dann beginnt eines der offensten Gespräche des Tages.
Mercury News: Herr Seiler, war Cole Caufield tatsächlich schon lange Ihr absoluter Wunschspieler?
Seiler schliesst die Mappe. Er lehnt sich zurück, nicht, weil er überlegen müsste, sondern weil manche Antworten Zeit verdienen.
„Ja.“ Mehr sagt er zunächst nicht. Er nimmt einen Schluck Kaffee, dann fährt er fort.
„Cole war mein absoluter Wunschspieler. Nicht erst im Januar oder Februar. Ehrlich gesagt beschäftigte mich der Gedanke, ihn nach San Jose zu holen, schon seit Beginn unseres Wiederaufbaus.“
Er dreht die Karte mit der Aufschrift Elite Finisher langsam zwischen den Fingern.
„Wenn du eine Mannschaft aufbaust, stellst du dir irgendwann eine ganz einfache Frage. Wie soll unser Hockey aussehen? Wir wollen mit Tempo spielen, kreativ sein und das Spiel kontrollieren. Aber irgendwann brauchst du jemanden, der all diese Arbeit konsequent abschliesst. Für mich gab es in der gesamten Liga nur einen Spieler, der dieses Profil erfüllt, Cole.“
Er legt die Karte wieder zurück, ganz vorsichtig, als wäre sie Teil einer Geschichte.
Nicht der beste Spieler, sondern der richtige Spieler.
Draussen frischt der Wind etwas auf. Die Fensterläden schlagen leicht gegen die Holzwand. Für einen Moment schweigen wir. Dann fragt Seiler plötzlich: „Möchtest du etwas sehen?“
Er steht auf, geht zu einem alten Holzschrank und holt eine zusammengerollte Magnetfolie hervor. Keine digitale Präsentation, kein Laptop, nur Magnete mit Spielernamen. Er breitet alles auf dem Holztisch aus.
„So sah unsere Mannschaft am Anfang des Wiederaufbaus aus.“ Er verschiebt einige Magnete. Celebrini, Smith, Hartman, Nichushkin. Dann bleibt seine Hand leer, eine Position fehlt.
„Hier.“ Er tippt mit dem Finger auf den freien Platz. „Genau dort habe ich Cole immer gesehen.“
Ich frage ihn, weshalb General Manager so oft den Fehler machen, nur den besten verfügbaren Spieler verpflichten zu wollen. Seiler nickt sofort.
„Weil es verlockend ist. Aber der beste Spieler ist nicht automatisch der richtige Spieler. Du musst verstehen, welche Identität deine Mannschaft haben soll. Erst dann kannst du beurteilen, wer wirklich zu ihr passt. Cole war für uns kein Star. Er war das fehlende Puzzleteil.“
Der Preis
Ich hole meinen Notizblock hervor. Viele Beobachter hielten den Preis für enorm hoch
Seiler nickt. Er kennt die Zahlen auswendig.
Boston erhielt:
• 1st Round Pick San Jose 2026
• Casey Mittelstadt
• Malcolm Spence
• 2nd Round Pick Pittsburgh 2026
San Jose erhielt:
• Cole Caufield
Er schaut einen Moment ins Feuer. Man merkt, dass er diesen Trade unzählige Male durchdacht hat. Nicht aus Unsicherheit, sondern aus Verantwortung.
„Natürlich hinterfragt man einen solchen Trade. Das ist sogar unsere Pflicht. Wir sprechen hier über einen Erstrundenpick, über Casey Mittelstadt und Malcolm Spence, einen weiteren Zweitrundenpick. Das ist kein kleiner Preis.“
Er schweigt. Das Holz im Ofen knackt laut.
„Aber ich habe mir immer dieselbe Frage gestellt. Wenn wir wirklich glauben, dass wir auf dem richtigen Weg sind..., warum sollten wir warten?“ Er sieht mich direkt an.
„Irgendwann musst du aufhören, ausschliesslich für die Zukunft zu planen. Irgendwann musst du deiner Mannschaft zeigen, dass du an sie glaubst.“
In diesem Moment klopft es plötzlich dumpf gegen das Fenster. Wir drehen beide den Kopf. Eine neugierige Alpendohle sitzt auf dem Fenstersims und blickt in die Hütte. Seiler lacht.
„Die kommt fast jeden Tag.“ Der Vogel verharrt einen Augenblick, legt den Kopf schief und fliegt wieder davon.
„Sie erinnert mich manchmal an Scouts“, sagt Seiler schmunzelnd. „Immer neugierig, immer auf der Suche und nie lange am selben Ort.“
Ich muss lachen, er ebenfalls. Es ist einer dieser seltenen Momente, in denen der General Manager für einen Augenblick nicht wie der Architekt einer NHL-Organisation wirkt, sondern einfach wie ein Mann, der gerne Zeit in den Bergen verbringt.
Kapitel 4
„Die Berge lehren dich, dass Geduld irgendwann belohnt wird.“
Nach Jahren des Wiederaufbaus standen die San Jose Sharks endlich dort, wo sie immer hinwollten.
Durch das geöffnete Fenster dringt nur noch das leise Rauschen des Baches, der unterhalb der Almwiese Richtung Tal fliesst.
Seiler trägt den kleinen Holztisch nach draussen und zwei Tassen Kaffee. Mehr braucht es nicht. Es ist erstaunlich still. Nicht die Art von Stille, die leer wirkt. Sondern jene, die Platz für Erinnerungen schafft.
Ich schlage mein Notizbuch auf. „Lassen Sie uns über die Playoffs sprechen.“
Mercury News: Wie hat sich der Moment angefühlt, als feststand, dass San Jose die Playoffs erreicht hatte?
Seiler blickt hinaus und antwortet erst nach einigen Sekunden.
„Erleichterung war es nicht.“ Ich schaue überrascht auf.
„Viele glauben, nach einem Rebuild sei das Erreichen der Playoffs das Ziel. Für mich war es eher eine Bestätigung. Wir hatten monatelang dafür gearbeitet. Irgendwann hast du das Gefühl, dass deine Mannschaft bereit ist. Die Tabelle bestätigt dir das irgendwann einfach.“
Er dreht die Kaffeetasse langsam zwischen den Händen. „Natürlich war Freude da, aber noch viel stärker war Vorfreude.“
Die Stadt begann wieder zu glauben
Es gibt Organisationen, die jedes Jahr um den Stanley Cup spielen und es gibt Organisationen, die sich jeden kleinen Fortschritt hart erarbeiten müssen. San Jose gehörte lange zur zweiten Kategorie. Doch mit jedem Sieg veränderte sich etwas, nicht nur in der Kabine, sondern auch auf den Rängen. Die Arena wurde lauter. Die Trikots mit der Nummer 71 wurden immer häufiger. Kinder hielten Schilder mit Celebrinis Namen in die Höhe.
Ich frage Seiler, ob er diese Veränderung gespürt habe. Er nickt sofort.
„Absolut. Man hat es überall gemerkt, im Stadion, auf der Strasse und bei den Mitarbeitern. Selbst Menschen, die sonst kaum über Hockey gesprochen haben, begannen plötzlich wieder zu fragen, wann das nächste Spiel stattfindet. Genau dafür macht man diesen Beruf.“
Kapitel 5
„Manchmal endet eine Saison genau so, wie sie enden muss.“
Die erste Playoffreise der neuen San Jose Sharks: zwischen Euphorie, Schmerz und der Erkenntnis, dass der Weg erst begonnen hatte.
„Hier draussen schmeckt Kaffee einfach besser.“
Ein leichter Wind bewegt die Äste der Arven hinter der Hütte. Aus der Ferne ist das stetige Rauschen eines Bergbachs zu hören. Ab und zu unterbricht das Pfeifen eines Murmeltiers die Stille, ansonsten scheint die Welt für einen Moment stillzustehen.
Ich öffne mein Notizbuch. Bisher haben wir über den Wiederaufbau gesprochen, über Macklin Celebrini und über Cole Caufield. Doch jeder dieser Wege führte zu einem einzigen Ziel, den Playoffs.
Ich schaue Seiler an. „Lassen Sie uns über den Frühling sprechen.“ Er nickt langsam. Sein Blick wandert für einen Moment über das Tal, bevor er die Kaffeetasse in beide Hände nimmt.
Mercury News: Wenn Sie heute an diese Playoffs zurückdenken, welches Gefühl kommt Ihnen als Erstes in den Sinn?
Seiler antwortet nicht sofort. Er nimmt einen Schluck Kaffee und stellt den Becher langsam wieder auf den Holztisch.
„Dankbarkeit.“ Mehr sagt er zunächst nicht. Der Wind trägt den Duft von frischem Arvenholz herüber. Ein Kolkrabe gleitet lautlos über die Baumkronen und verschwindet hinter dem Hang. Erst nach einigen Sekunden spricht Seiler weiter.
„Viele denken bei den Playoffs zuerst an Siege oder Niederlagen. Ich denke zuerst daran, wie weit diese Mannschaft gekommen ist. Vor zwei Jahren waren wir ganz am Anfang unseres Wiederaufbaus. Plötzlich spielten wir wieder um etwas, das in San Jose lange gefehlt hatte. Das war kein Zufall, das war das Ergebnis unzähliger kleiner Entscheidungen.“
Er macht eine kurze Pause. „Und genau deshalb werde ich diese Playoffs nie vergessen. Viele erwarten in den Playoffs perfekte Serien. Die Wahrheit ist, dass sie meistens chaotisch sind.“
Er lehnt sich zurück und blickt über das Tal. Der Wind hat etwas aufgefrischt. Hinter der Hütte rauschen die Arven leise, während über den Felsen ein Mäusebussard seine Kreise zieht.
„Edmonton hat uns in jedem einzelnen Spiel gezwungen, unser Maximum abzurufen. Es gab Abende, an denen wir unser Spiel durchbringen konnten. Und es gab Abende, an denen sie uns gnadenlos aufgezeigt haben, wie klein der Unterschied zwischen einem guten und einem grossartigen Team ist.“
Er dreht den Kaffeebecher langsam in den Händen. „Genau deshalb war diese Serie so wertvoll.“
Lernen unter Druck
Ich frage ihn, ob es innerhalb der Serie einen Moment gegeben habe, in dem sich die Mannschaft verändert habe. Seiler denkt kurz nach, dann nickt er.
„Nach unserer ersten richtigen Niederlage. Das klingt vielleicht seltsam. Aber Niederlagen zeigen dir mehr über eine Mannschaft als Siege.“
Er stellt die Tasse auf den Tisch. „Nach dem Spiel war die Enttäuschung riesig, niemand sprach laut und niemand suchte Ausreden. Die Spieler wussten selbst, dass wir besser hätten sein können.“
Er lehnt sich leicht nach vorne. „Am nächsten Morgen war das Training freiwillig. Trotzdem standen fast alle Spieler auf dem Eis. Niemand hatte sie dazu aufgefordert.“
Er macht eine kurze Pause. „Da wusste ich, dass wir eine besondere Gruppe haben.“
Ein leichter Schatten zieht über den Tisch. Wir blicken beide nach oben. Ein Steinadler gleitet hoch über dem Tal lautlos durch die Thermik. Er bewegt kaum die Flügel, die aufsteigende Warmluft trägt ihn beinahe mühelos. Seiler verfolgt ihn einen Moment.
„Beeindruckend.“ Mehr sagt er nicht. Erst als der Adler hinter einem Grat verschwindet, richtet er den Blick wieder auf mich.
Spiel sieben verändert Menschen
Mercury News: Was bleibt Ihnen von Game 7 am stärksten in Erinnerung?
Diesmal kommt die Antwort nicht sofort. Seiler verschränkt die Hände.
„Die Ruhe.“ Ich sehe ihn fragend an.
„Vor einem siebten Spiel erwarten viele Hektik. Tatsächlich war unsere Kabine ungewöhnlich ruhig. Jeder wusste genau, welche Aufgabe er hatte. Niemand musste eine grosse Rede halten. Niemand musste künstlich Emotionen erzeugen.“
Er lächelt.
„Ich bin kurz durch die Kabine gegangen, habe jedem Spieler die Hand gegeben. Mehr nicht.“ Eine Windböe bewegt die Servietten auf dem Tisch. Seiler hält sie mit der Hand fest und fährt fort.
„Als General Manager möchtest du in solchen Momenten helfen. Aber du weisst gleichzeitig, dass deine Arbeit längst erledigt ist. Jetzt gehört die Bühne den Spielern.“
Er lehnt sich zurück. Sein Blick schweift wieder hinaus ins Tal.
„Als die Schlusssirene ertönte, war da natürlich Freude. Riesige Freude.“ Er lächelt.
„Aber ich erinnere mich weniger an den Jubel. Ich erinnere mich daran, wie ich unsere Spieler beobachtet habe.“
Er zeigt mit dem Finger auf den Holztisch.
„Sie umarmten sich, sie lachten. Aber nach wenigen Minuten sprach fast jeder bereits über Vancouver.“ Er lacht leise.
„Da habe ich gemerkt, dass wir als Organisation einen Schritt gemacht hatten. Wir waren glücklich, aber wir waren noch nicht zufrieden.“
Ein anderer Gegner
Ich blättere um. Auf der nächsten Seite steht nur ein einziges Wort.
Vancouver.
Seiler erkennt die Überschrift sofort. Er nickt langsam.
„Die Canucks waren eine völlig andere Herausforderung.“
Er nimmt einen Schluck Kaffee. „Edmonton lebte von Dynamik. Vancouver lebte von Geduld.“
Er verschränkt die Arme. „Sie zwangen dich, jede Entscheidung zweimal zu überdenken. Jeder Scheibenverlust wurde gefährlich. Jeder Fehler hatte Konsequenzen.“
Er lächelt anerkennend. „Das war eine unglaublich reife Mannschaft.“
Als plötzlich alles still wurde
Zum ersten Mal an diesem Tag entsteht eine längere Pause. Nicht, weil uns die Gesprächsthemen ausgehen. Sondern weil beide wissen, worauf sie zwangsläufig zusteuert.
Celebrini.
Seiler schaut für einen Moment auf seine Kaffeetasse. Dann hebt er den Blick wieder.
„Es gibt Augenblicke, die jeder General Manager sofort wieder erkennt. Nicht wegen des Ergebnisses. Sondern wegen des Gefühls.“ Er atmet ruhig ein.
„Als Macklin liegen blieb, wurde es auf unserer Bank schlagartig still.“ Der Wind trägt das ferne Läuten von Kuhglocken vom gegenüberliegenden Hang herüber. Keiner von uns sagt etwas.
„In solchen Momenten spielt Hockey für ein paar Sekunden keine Rolle mehr. Du denkst nicht an Serien und nicht an Taktik.“ Er schüttelt leicht den Kopf. „Du hoffst einfach, dass der junge Mann wieder aufstehen kann.“
Seiler nimmt einen letzten Schluck Kaffee. Die Tassen sind inzwischen fast leer. Vor der Hütte ist es ruhig geworden. Nur das Summen einiger Bienen, die zwischen den Alpenblumen unterwegs sind, begleitet unser Gespräch. Ich schliesse den Notizblock für einen Moment.
Die Geschichte der Playoffs handelt nicht nur von einem Sieg gegen Edmonton und einer Niederlage gegen Vancouver. Sie handelt von einer jungen Mannschaft, die zum ersten Mal erfahren hat, was es bedeutet, im Frühling Hockey zu spielen.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Tages in den Bergen.
Kapitel 6
„Der Sommer entscheidet, ob der Frühling eine Ausnahme oder der Beginn von etwas Grösserem war.“
Nach den Playoffs begann für die Sharks die eigentliche Arbeit.
Die Sonne steht inzwischen tief genug, dass der Schatten der Hütte langsam über die Wiese wandert. Auf dem Holztisch liegen noch immer ein paar Notizzettel, ein Fernglas und eine zerknitterte Karte der umliegenden Berge. Das Gespräch hat sich verändert. Die Emotionen der Playoffs sind noch präsent, doch der Blick richtet sich längst nach vorne. Ich schlage die letzte Seite meines Notizbuchs auf.
Mercury News: Nach dem Ausscheiden gegen Vancouver hätten viele Organisationen den Sommer genutzt, um kleinere Korrekturen vorzunehmen. Sie haben sich stattdessen entschieden, den Kader erneut deutlich zu verändern. Weshalb?
Seiler lehnt sich zurück. „Weil Vancouver uns gezeigt hat, wer wir geworden sind. Aber auch, wer wir noch nicht waren.“
Er verschränkt die Hände. „Wir hatten genug Offensive, genug Kreativität und genug Mut. Was uns fehlte, waren Erfahrung, Stabilität und Härte in den entscheidenden Momenten.“
Er lächelt. „Der Sommer hatte seine Aufgaben bereits geschrieben, bevor die Saison überhaupt zu Ende war.“
Kein Aktionismus
Ich frage ihn, ob die vielen Verpflichtungen eine Reaktion auf das Ausscheiden gewesen seien. Er schüttelt sofort den Kopf.
„Nein. Reaktionen dauern meistens nur einen Sommer. Strategien deutlich länger.“ Er blickt hinaus auf die Berge. „Wir wollten unsere Identität nicht verändern. Wir wollten sie ergänzen.“
Erfahrung für die entscheidenden Spiele
Ich lege vier Namen auf den Tisch.
Jake Oettinger, Ryan Pulock, Nikita Zadorov und Anders Lee.
Seiler nickt.
„Vier völlig unterschiedliche Spieler, aber alle erfüllen denselben Zweck. Keiner dieser Spieler wurde verpflichtet, um Macklin Celebrini zu ersetzen oder Cole Caufield mehr Tore zu ermöglichen. Sie wurden verpflichtet, damit unsere jungen Spieler im Mai und Juni bessere Voraussetzungen haben.“
Er macht eine kurze Pause. „Erfolg entsteht nicht nur durch deine besten Spieler. Sondern auch durch jene, die in schwierigen Momenten Orientierung geben.“
Der Blick auf morgen
Ein leichter Wind bewegt die Blätter der Arven. Das Fernglas liegt inzwischen unbeachtet auf dem Tisch.
Zum ersten Mal an diesem Tag sprechen wir über den Draft.
Mercury News: Viele General Manager investieren nach einem erfolgreichen Jahr lieber in etablierte Spieler. Warum bleibt der Draft für Sie trotzdem so wichtig?
Seiler lächelt. „Weil Erfolg gefährlich werden kann.“ Ich schaue überrascht auf, er fährt fort.
„Erfolg verleitet Organisationen dazu zu glauben, sie hätten es geschafft. In Wahrheit beginnt genau dann die schwierigste Phase.“
Er nimmt den Draftblock in die Hand. „Jede Generation braucht ihre nächste Generation.“
Die nächste Welle
Vor ihm liegen die Namen der zehn jungen Spieler, die wenige Wochen zuvor von den Sharks ausgewählt wurden. Keine grossen Versprechen, keine Superlative, sondern Hoffnung.
„Vielleicht schafft es nicht jeder bis in die NHL. Das ist die Realität.“ Er streicht mit dem Finger über die Liste. „Aber wenn wir jedes Jahr zwei oder drei Spieler entwickeln, die unserer Organisation langfristig helfen, bleiben wir konkurrenzfähig.“ Er blickt mich an. „Genau deshalb liebe ich den Draft.“
Mehr als nur Talente
Ich bitte ihn, die Draftklasse mit einem Satz zu beschreiben. Er überlegt kurz, dann antwortet er. „Charakter vor Schlagzeilen.“
Ich bitte ihn, das zu erklären.
„Natürlich achten wir auf Talent, das muss jede Organisation. Aber Talent allein reicht heute nicht mehr. Wir suchen Spieler, die lernen wollen. Spieler, die Verantwortung übernehmen. Spieler, die unsere Kultur weitertragen.“
Er lächelt. „Denn irgendwann sitzen sie dort, wo heute Macklin oder Cole sitzen.“
Der letzte Blick
Wir stehen langsam auf. Die Sonne taucht die Berggipfel in warmes Licht. Vor der Hütte herrscht dieselbe Ruhe wie am Morgen. Nur der Duft des Kaffees ist inzwischen verschwunden. Seiler nimmt das Fernglas in die Hand. Fast automatisch wandert sein Blick noch einmal über die Hänge.
„Da.“ Ich folge seinem Finger. Weit oberhalb der Baumgrenze steht ein einzelner Steinbock auf einem Felsvorsprung. Er wirkt klein in dieser gewaltigen Landschaft. Und doch gehört genau dieser Berg ihm. Seiler beobachtet ihn einige Sekunden.
Dann sagt er leise: „Die Berge lehren dich Demut. Egal, wie weit du gekommen bist, der nächste Gipfel wartet bereits.“
Schlusswort
Mehr als nur Hockey
Als ich die Jagdhütte verlasse, dreht sich Umberto Seiler nicht noch einmal um. Er bleibt vor der Hütte stehen, die Hände in den Taschen seiner Fleecejacke, den Blick auf die Berge gerichtet. Irgendwo oberhalb der Baumgrenze bewegen sich zwei Gämsen langsam über einen schmalen Grat. Von hier unten wirken sie klein. Fast unbedeutend. Und doch weiss man, dass sie dort oben jeden Stein kennen. Der Kies knirscht unter meinen Schuhen, während ich den schmalen Weg talwärts einschlage.
Wir haben an diesem Tag viele Stunden über Hockey gesprochen. Über den Wiederaufbau, über Macklin Celebrini, über Cole Caufield, über einen Trade, der eine Organisation veränderte. Über sieben Spiele gegen Edmonton, eine Verletzung gegen Vancouver. Einen Sommer voller Entscheidungen und über neue Gesichter, die den nächsten Schritt möglich machen sollen.
Und trotzdem habe ich das Gefühl, dass keines dieser Themen der eigentliche Kern unseres Gesprächs war.
Der Kern war Geduld.
Geduld, eine Mannschaft wachsen zu lassen. Geduld, jungen Spielern Fehler zuzugestehen. Geduld, den richtigen Moment für grosse Entscheidungen abzuwarten. Geduld, nach einer Niederlage nicht alles infrage zu stellen. In einer Zeit, in der im Profisport jede Entscheidung sofort bewertet wird, wirkt diese Haltung beinahe ungewöhnlich. Vielleicht erklärt genau das den Weg der San Jose Sharks besser als jede Statistik.
Sie sind keine Mannschaft geworden, weil ein einziger Spieler kam. Nicht, weil ein einzelner Trade gelang. Nicht, weil sie Edmonton in sieben Spielen bezwangen. Sondern weil über Jahre hinweg viele kleine Entscheidungen konsequent in dieselbe Richtung getroffen wurden.
Der Wiederaufbau war nie eine Aneinanderreihung spektakulärer Momente. Genau wie die Berge, die seit Jahrhunderten über diesem Tal stehen.
Als ich mich noch einmal umdrehe, steht Seiler immer noch dort, regungslos. Er beobachtet keinen Bildschirm, kein Handy, keine Statistiken, sondern nur die Berge. Vielleicht liegt genau darin der grösste Unterschied zwischen Menschen und der Natur. Der Berg interessiert sich nicht dafür, ob man gestern gewonnen oder verloren hat. Er fordert morgen dieselbe Anstrengung wie heute.
Und vielleicht ist genau deshalb diese Jagdhütte der richtige Ort, um über den Aufbau einer Hockeyorganisation zu sprechen. Denn Meisterschaften entstehen nicht an dem Abend, an dem der Pokal überreicht wird. Sie entstehen Monate und Jahre zuvor.
Und manchmal auch an einem einfachen Holztisch vor einer Jagdhütte in den Bündner Bergen, mit einer Tasse Kaffee in der Hand und dem Blick auf den nächsten Gipfel.
Ich steige ins Auto und werfe einen letzten Blick zurück. Die Jagdhütte wirkt zwischen den Arven plötzlich erstaunlich klein. Doch genau dort oben, weit weg vom Lärm der Arenen und den Schlagzeilen der Liga, wurde mir klar, dass diese Geschichte nie nur von Hockey handelte.
Sie handelte von Vertrauen, Geduld und von Menschen, die bereit sind, einen langen Weg zu gehen, obwohl niemand garantieren kann, dass er am Ende mit einem Pokal belohnt wird. Und vielleicht ist genau das die schönste Erkenntnis dieses Tages. Denn der Berg fragt nicht, wie erfolgreich du gestern warst. Er fragt nur, ob du bereit bist, morgen den nächsten Schritt zu machen.
„Die Sharks kamen nicht in die Berge, um ihrer vergangenen Saison nachzutrauern. Sie kamen hierher, weil jeder Gipfel, den man erreicht, nur den Blick auf den nächsten freigibt.“
Steven Rinella, San Jose Mercury News